Das zweite Scheitern
Autor: Ralf List |
Aus einer E-Mail wird im Kopf ein Drama. Ralf List erklärt das zweite Scheitern , und den einfachen Reflex STOP-CHECK-SHIFT dagegen.
Neulich, halb acht morgens. Ich sitze mit einem Kaffee am Küchentisch, das Handy liegt friedlich daneben, wie ein schlafender Hund. Dann vibriert es. Eine E-Mail von meiner Steuerberaterin. Betreff: „Kurz anrufen, bitte."
Mehr nicht. Kein Ausrufezeichen. Kein „alles gut". Nur: Kurz anrufen, bitte.
Und schon ist er da. Der Film läuft sofort an, ohne dass ich ihn gebucht hätte. Betriebsprüfung. Nachzahlung. Ich sehe mich schon vor irgendeinem Amt sitzen und erklären, warum der Trüffel-Champagner steuerlich ein Totalschaden war. Mein Kaffee wird kalt, während ich in Gedanken bereits mein gesamtes Firmenvermögen verscherble.
Drei Stunden später das Telefonat: Eine Rechnung war doppelt erfasst. Fünf Minuten Aufwand. Ende der Geschichte.
Fünf Minuten Realität gegen drei Stunden Weltuntergang. Das Verhältnis kommt mir bekannt vor. Es ist eigentlich immer dasselbe Verhältnis.
**Das erste Scheitern und das, was wir daraus machen**
Was an diesem Morgen wirklich passiert ist: eine E-Mail mit vier Worten. Das war alles. Das ist das erste S in meiner Formel, das erste Scheitern, das reale Ereignis, das man mit dem Zollstock messen könnte, wenn man wollte. Neutral. Klein. Erledigbar.
Was ich daraus gemacht habe, ist etwas völlig anderes. Das ist das zweite Scheitern, das potenzierte, S zum Quadrat. Es findet nicht auf dem Kontoauszug statt, sondern zwischen den Ohren. Und dort ist es immer größer, immer dramatischer, immer teurer als das, was tatsächlich passiert ist.
Ich habe das mein halbes Leben lang nicht unterschieden. Ich dachte, meine Sorge sei die angemessene Reaktion auf die Lage. Dabei war sie nur die Fortsetzung der Lage mit anderen, deutlich schlechteren Mitteln.
**Warum wir trotzdem festhalten**
Das Bemerkenswerte an der Sorge ist, wie seriös sie sich anfühlt, während sie passiert. Sie verkleidet sich als Verantwortungsbewusstsein. Als würde ich, indem ich mir am Küchentisch die Betriebsprüfung ausmale, bereits etwas gegen sie unternehmen. In Wahrheit unternehme ich in diesen drei Stunden gar nichts, außer meinen Kaffee kalt werden zu lassen und meine Energie zu verbrennen, für ein Problem, das es so gar nicht gab.
Genau hier hängt für mich Energie an Menschlichkeit, das E und das M meiner Formel. Denn was mir in diesen Momenten fehlt, ist nicht Disziplin. Es ist Abstand. Der Unterschied zwischen jemandem, der zerbricht, und jemandem, der weitermacht, liegt selten im Ereignis. Er liegt darin, wie schnell einer merkt: Moment, das hier ist gerade mein Kopf, nicht meine Realität.
**Was ich mir inzwischen angewöhnt habe**
Ich bin kein Mensch, der plötzlich ruhig wurde, weil ich eine Formel aufgeschrieben habe. Aber ich habe mir einen kleinen, unspektakulären Reflex zugelegt, der mittlerweile öfter funktioniert, als ich selbst für möglich gehalten hätte.
Sobald ich merke, dass mein Kopf losrast, halte ich an. Wortwörtlich. Ich stoppe den Gedanken, so wie man ein Auto anhält, bevor es gegen die Wand fährt. Nicht, weil der Gedanke verboten wäre, sondern weil er gerade dabei ist, sich selbständig zu machen.
Danach kommt die unangenehmere Übung. Ich checke, was tatsächlich Sache ist. Nicht, was mein Kopf daraus gebaut hat, sondern die vier Worte, die tatsächlich in der E-Mail standen. Meistens ist das ernüchternd unspektakulär. Manchmal ist es nicht schön, aber fast immer ist es kleiner, konkreter und bearbeitbarer als das, was ich mir in den drei Stunden davor zusammenfantasiert habe.
Und dann, erst dann, verschiebe ich etwas. Ich shifte, wie ich es mittlerweile nenne, wenn ich mit meinen Kindern rede, die das englische Wort ohnehin lässiger benutzen als ich. Ich lege den Fokus dahin, wo tatsächlich etwas zu tun ist. Anrufen. Klären. Oder auch: nichts tun, weil es gerade nichts zu tun gibt außer abzuwarten. Das ist manchmal die schwerste Übung von allen.
Stop. Check. Shift. Drei Wörter, kein Seminar, keine Tafel mit bunten Karten, kein Motivationsposter mit Sonnenaufgang. Nur eine Gewohnheit, die verhindert, dass aus einer E-Mail ein Steuerverfahren wird, bevor überhaupt jemand aufgelegt hat.
**Was das mit dir zu tun hat**
Ich behaupte nicht, dass dein Kopf ab morgen still ist. Meiner ist es auch nicht. Ich werde weiterhin, mit ziemlicher Sicherheit, aus vier Worten in einer E-Mail einen ganzen Katastrophenfilm drehen. Aber inzwischen merke ich es schneller. Und dieser eine Moment des Merkens, dieses kurze Innehalten zwischen dem, was passiert ist, und dem, was ich daraus mache, ist im Grunde der ganze Unterschied.
Nicht das Leben wird kleiner, wenn man das versteht. Das Scheitern wird kleiner. Und plötzlich ist wieder Platz für den Rest.
Genau für diesen einen Moment, dieses kurze Innehalten, habe ich „[Das Ende der Sorge](https://ralflist.de/buch)" gebaut. Kein Kurs, kein Programm, das dich verändern will. Zehn Minuten, die dir helfen, den Kopf anzuhalten, bevor er losrast. Mehr nicht. Aber genau das reicht manchmal schon.