Ein Franzose, 450 Jahre tot , und er hat mein Buch schon geschrieben
Autor: Ralf List |
Ich geb's zu: Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mal freiwillig einen dicken Wälzer von einem französischen Adligen aus dem 16. Jahrhundert lese, hätte ich ihm angeboten, eine Louis-Vuitton-Tasche mit Bauschaum auszuspritzen und ihm das Ergebnis als Kunstwerk zu ver[kaufen](https://ralflist.de/shop). Das wäre glaubwürdiger gewesen.
Aber so ist es gekommen. [Michel de Montaigne, "Essays"](https://amzn.to/4vQ9mBf). Und ich sitze da, Kaffee kalt geworden, und merke: Der Typ hat vor 450 Jahren im Grunde schon aufgeschrieben, wofür ich gerade ein Studio gemietet, ein Audio produziert und eine Formel entwickelt habe.
Das ist demütigend. Und irgendwie auch beruhigend.
Der Satz, der mich getroffen hat
Montaigne schreibt sinngemäß: Nicht die Dinge selbst quälen uns, sondern das Bild, das wir uns von ihnen machen. Nicht der Verlust, nicht die Krankheit, nicht mal der Tod selbst , sondern das, was wir uns darüber im Kopf zusammenbauen, lange bevor überhaupt etwas passiert ist.
Ich musste zweimal lesen. Nicht weil es kompliziert war. Sondern weil es genau der Satz ist, den ich seit Jahren in anderen Worten sage: Das Problem ist nicht dein Leben. Das Problem ist das, was du darüber denkst.
Ich dachte, ich hätte da was Eigenes gefunden. Nach Biotulin, nach dem [BrandArt](https://ralflist.de/autor)-Zirkus, nach zwei, drei richtig teuren Bauchlandungen , dachte ich, meine Formel wäre meine Erkenntnis. Und jetzt sitzt da ein Mann mit Halskrause und Ordenskette und hat's mir zuvorgemacht. Um ein paar Jahrhunderte.
Montaigne hatte auch keinen Kurs zu verkaufen
Was mir an ihm gefällt: Er coacht niemanden. Er predigt nicht. Er sitzt in seinem Turm in der Dordogne, schaut sich selbst beim Denken zu, schreibt auf, was er sieht, und widerspricht sich drei Seiten später wieder selbst. Kein Framework. Keine fünf Schritte zum besseren Leben. Nur ein Mann, der ehrlich beobachtet, was in seinem Kopf abläuft , und daraus lernt, es nicht mehr für bare Münze zu nehmen.
Genau das mache ich mit STOP-CHECK-SHIFT, nur eben nicht in einem Turm, sondern in zehn Minuten, mit Kopfhörern, zwischen zwei Meetings. Montaignes Methode war Beobachtung. Meine ist [Beobachtung mit Werkzeug](https://ralflist.de/shop). Der Unterschied zwischen uns beiden: Er hatte ein ganzes Leben und eine Bibliothek dafür Zeit. Die meisten von euch haben das nicht. Ich auch nicht mehr, ehrlich gesagt.
Was mich an ihm nervt
Er ist auch anstrengend, muss ich sagen. Schweift ab, zitiert die halbe Antike, braucht drei Seiten, um zu sagen, was ich in einem Satz sage. Aber vielleicht ist das der Punkt: Er hatte die Zeit, sich selbst beim Grübeln zuzusehen und trotzdem nicht im Grübeln steckenzubleiben. Er hat aus dem Beobachten keine Sorge gemacht, sondern eine Haltung. Das ist der Teil, den die meisten von uns heute nicht mehr hinkriegen. Wir beobachten unsere Gedanken nicht , wir werden von ihnen gefahren, wie ein Auto ohne Fahrer.
Was ich daraus mitnehme
Nicht, dass ich jetzt Montaigne-Zitate unter meine Reels schreibe. Das würde nicht zu mir passen, und es würde auch nicht zu ihm passen , der Mann hasste Angeberei mit Belesenheit mehr als fast alles andere.
Aber die Bestätigung tut gut: Das, was ich mit [L = (E × M) / S²](https://ralflist.de/buch) beschreibe , dass die Angst vor dem Scheitern sich überproportional aufbläht, wenn wir sie nicht anfassen , das ist keine Erfindung von mir aus einem Marketing-Workshop. Das ist eine der ältesten Beobachtungen, die Menschen über sich selbst gemacht haben. Ich hab nur eine Formel draus gemacht und ein Audio, das in zehn Minuten funktioniert statt in einem Turm mit Bibliothek.
Montaigne hätte wahrscheinlich nichts von mir gehalten. Zu schnell, zu zugespitzt, zu sehr auf den Punkt. Aber ich glaube, er hätte verstanden, worum es geht: nicht ums Verdrängen der Sorge, sondern ums Hinschauen, ohne sich von ihr auffressen zu lassen.
*Das Problem ist nicht dein Leben. Das Problem ist das, was du darüber denkst. Das wusste offenbar schon ein Mann, der 1592 gestorben ist.*