Die Schauspielerin, die mich anschrie , und warum mich das nicht stoppen konnte
Autor: Ralf List |
Ralf List über einen Wutanruf, der ihn fast das Projekt kostete , und die drei Schritte, die ihm halfen, Kritik nicht länger Macht über sein Denken zu geben.
Das Telefon klingelte, ich nahm ab, und noch bevor ich "Hallo" richtig ausgesprochen hatte, schrie mir eine Stimme entgegen, ich würde den Schauspielberuf in Verruf bringen. Eine Unverschämtheit sei das, was ich da mache. Ich wolle doch nur Leute übers Ohr hauen.
Ich hielt den Hörer fest, lächelte gequält in ein leeres Zimmer, und dachte: Willkommen zurück im Medienzirkus, Ralf.
Der Hintergrund: Ich hatte gerade einen Kinofilm angekündigt, bei dem sämtliche Rollen bei eBay versteigert werden sollten. Für manche war das eine geniale Schnapsidee. Für diese Schauspielerin war es eine persönliche Beleidigung ihres Berufsstands. Sie legte auf. Ich saß da. Leer. Enttäuscht. Ehrlich gesagt: verletzt.
Und dann kam er, der vertraute Gedanke, der sich anfühlt wie eine Tür, die zufällt: *Jetzt ist alles vorbei.*
Der Moment, in dem ich hätte stoppen können , im falschen Sinn
Hier ist die Sache mit Kritik, die niemand einem sagt, bevor man sie am eigenen Leib erlebt: Sie kommt nie in dem Moment, in dem man stark ist. Sie kommt genau dann, wenn man ohnehin schon zweifelt. Und dann übernimmt der Kopf. Er dreht die eine Stimme laut, die sagt, du bist eine Frechheit, und er schaltet die hundert anderen Stimmen stumm, die sagen, mach weiter.
Genau das ist der Moment, den ich heute mit meiner Formel beschreibe: L = (E × M) ÷ S². Das S , das, was ich aus einem Rückschlag im Kopf mache , wirkt nicht einfach nur, es wirkt im Quadrat. Eine schreiende Stimme am Telefon war real. Aber die Bedeutung, die ich ihr gab, war mein eigenes Werk. Und genau da hatte ich einen Hebel, den ich in dem Moment nicht sah.
Was tatsächlich passierte
Ich legte auf, saß eine Weile da , und dann klingelte das Telefon wieder. Andere Redaktionen. Sie fanden die Idee brillant. Kreativ. Mutig. Medienwirksam, sagten sie. Am ersten Drehtag standen RTL, Sat.1, n-tv und ProSieben vor der Tür einer kleinen Kneipe in Aachen. Nicht, weil sie an mich glaubten , sie wollten das Desaster filmen. Aber es lief. Am nächsten Tag war der Film überall.
Zwischen dem Wutanruf und den Kamerateams lagen vielleicht zwei Stunden. Zwei Stunden, in denen ich hätte aufgeben können, wenn ich der einen Stimme die Deutungshoheit über mein ganzes Projekt gegeben hätte.
STOP , CHECK , SHIFT, angewendet auf einen Wutanruf
**STOP:** Den Gedanken unterbrechen, bevor er sich festsetzt. Nicht "sie hat recht, ich bin eine Unverschämtheit" zu Ende denken.
**CHECK:** Kurz und ehrlich prüfen , Wie viel Energie habe ich gerade? Wie sehr betrifft mich das wirklich, in einer Woche noch? Ist das ein Gedanke über die Situation, oder die Situation selbst?
**SHIFT:** Bewusst etwas verändern. Nicht die Kritik wegdrücken , sondern ihr nicht mehr Raum geben, als sie verdient. Das Telefon war real. Der Weltuntergang in meinem Kopf war eine Zugabe, die ich selbst geliefert hatte.
Ungerechte Kritik ist übrigens fast immer ein verkleidetes Kompliment , sie bedeutet meistens, dass man etwas getan hat, das jemanden herausgefordert hat. Aber das zu wissen und es in dem Moment auch zu *fühlen*, sind zwei verschiedene Dinge. Dafür braucht es keine Theorie. Dafür braucht es einen Reflex, den man trainiert hat, bevor das Telefon das nächste Mal klingelt.
Genau diesen Reflex trainiere ich mit dem 10-Minuten Reset. Nicht, damit dich nie wieder jemand anschreit. Sondern damit du, wenn es passiert, nicht zwei Stunden brauchst, um wieder klar zu denken , sondern zwei Minuten.
**Das Problem ist nicht dein Leben. Das Problem ist das, was du darüber denkst.**