Warum Perfektionismus mich Jahre gekostet hat
Autor: Ralf List |
Perfektionismus fühlt sich wie Sorgfalt an, ist aber oft nur Angst im Kostüm. Ralf List über sein Etikett, seine Formel und den Weg zu flexiblem Denken.
Halb elf abends. Ich sitze an meinem Küchentisch, vor mir ein Musterfläschchen Biotulin. Klein, bräunlich, unscheinbar. Der Etikettendrucker wartet seit vier Tagen auf meine Freigabe.
Vier Tage. Für ein Etikett.
Ich hatte am Font gedreht. Zehnmal. Am Goldton des Schriftzugs, nochmal zehnmal. Am Abstand zwischen "Bio" und "tulin", weil er mir irgendwie unruhig vorkam. Meine damalige Mitarbeiterin Sabine fragte mich irgendwann nur noch, halb genervt, halb amüsiert: "Ralf, soll das Zeug eigentlich mal verkauft werden, oder bleibt das für immer ein Entwurf?"
Ich hatte keine gute Antwort. Ich wusste nur eins: Es fühlte sich noch nicht richtig an.
Was ich damals nicht verstanden habe: Ich wartete gar nicht auf Perfektion. Ich wartete auf Sicherheit. Ich wollte, dass niemand das Etikett kritisiert. Niemand das Fläschchen belächelt. Niemand mir hinterher sagt, es hätte besser sein können. Und genau darauf kann man nicht warten. Man kann es nur vermeiden. Um den Preis, dass nichts passiert.
Perfektionismus ist Angst, die sich vorarbeitet
Jahre später, als ich meine Formel aufgeschrieben habe, [L = (E × M) / S²](https://ralflist.de/buch), ist mir etwas aufgefallen. Perfektionismus ist reines S², nur vorgezogen in die Zukunft. Ich hatte das zweite Scheitern schon durchgespielt, bevor das erste überhaupt eine Chance hatte, stattzufinden. Kein Kunde hatte das Etikett gesehen. Keine Kritik war gefallen. Ich hatte sie mir längst ausgemalt, bis ins Detail, und mich davon lähmen lassen.
Das ist der Trick, den sich Perfektionismus erlaubt. Er tarnt sich als Sorgfalt. Als hoher Anspruch. Als "ich will es einfach richtig machen". In Wahrheit ist er oft nur die Angst vor der Bewertung, die noch gar nicht stattgefunden hat, versteckt hinter zehn weiteren Korrekturschleifen.
Genau hier setzt STOP-CHECK-SHIFT an.
**STOP**: den Gedanken unterbrechen, in dem Moment, in dem "das muss perfekt sein" zum zehnten Mal durch den Kopf läuft.
**CHECK**: prüfen, was wirklich auf dem Spiel steht. Meistens nicht das, was ich mir in dem Moment einrede.
**SHIFT**: die Frage austauschen. Nicht mehr "ist es perfekt", sondern "reicht es, um die Welt entscheiden zu lassen".
Das Etikett ging am fünften Tag raus. Nicht weil es perfekt war. Weil ich aufgehört habe, auf ein Gefühl zu warten, das ohnehin nie gekommen wäre.
Wenn du gerade an etwas feilst, das längst fertig ist
Vielleicht liest du das und denkst an eine E-Mail, die seit drei Tagen im Entwurfsordner liegt. An eine Präsentation, die du zum siebten Mal überarbeitest. An ein Projekt, das eigentlich fertig ist, nur du traust dich noch nicht, es rauszulassen.
Für genau diese Momente habe ich den 10-Minuten Reset gebaut. Nicht, um dir zu sagen, dass du entspannter sein sollst. Sondern um dir zehn Minuten zu geben, in denen der Kopf leiser wird als das Projekt selbst.
*Das Problem ist nicht dein Etikett, dein Text, dein Projekt. Das Problem ist das, was du darüber denkst.*