Sorge ist kein Charakterfehler, sie hat nur das falsche Drehbuch

Autor: Ralf List |

Nicht jede Sorge schadet dir. Mit STOP-CHECK-SHIFT von Ralf List erkennst du, welche Sorge hilft , und welche dir nur die Nacht stiehlt.

Ich war mal überzeugt, dass mein fliegendes Haus abstürzt, bevor es überhaupt fertig gebaut war. Nicht im Traum. Im Wachzustand, beim Kaffee, mitten am Schreibtisch. Ich hatte schon die Schlagzeile im Kopf: „Aachener Erfinder unter eigenem Dach begraben." Das Haus ist übrigens nie abgestürzt. Es wurde einfach fertig. Ganz undramatisch.

So ist das mit der Sorge. Sie ist selten faul. Sie ist nur schlecht sortiert.

Es gibt zwei Sorten Sorge

Die eine bringt dich weiter. Du wohnst am Fluss, das letzte Hochwasser stand dir bis zum Gartenzaun, und jetzt denkst du über eine Rückstauklappe nach. Das ist Sorge, die arbeitet. Sie zeigt auf ein echtes Risiko und auf etwas, das du heute tun kannst.

Die andere Sorte tut nichts außer Strom ziehen. Du liegst um drei Uhr nachts wach, weil ein Kunde vielleicht enttäuscht sein könnte von einer Mail, die du vor zwei Tagen geschickt hast. Du hast keinen Einfluss mehr auf das, was in seinem Kopf passiert. Du drehst nur den Film in deinem eigenen weiter. Mit dir in der Hauptrolle, natürlich, und meistens in der Rolle des Verlierers.

Ich hab diese zweite Sorte gut kennengelernt. Bei jedem Projekt, das ich verkraten habe , und glaub mir, das waren einige , , kam nicht das Scheitern selbst zuerst. Zuerst kam die Geschichte, die ich mir darüber erzählt habe. Das Scheitern zum Quadrat, wie ich es nenne. Das eigentliche Ereignis war oft klein. Der Kopf hat daraus eine Katastrophe mit Surround-Sound gemacht.

Drei Schritte, die ich seitdem benutze

Damit das nicht jedes Mal in einer durchwachten Nacht endet, halte ich mich an drei Schritte. Ich nenne sie STOP , CHECK , SHIFT, und sie sind bewusst so simpel gehalten, dass sie auch um drei Uhr nachts noch funktionieren, wenn im Kopf sonst nichts mehr klar denkt.

**STOP.** Der Moment, in dem du den Gedanken unterbrichst, bevor er losrennt. Nicht wegdrücken, nicht bekämpfen , nur kurz innehalten und erkennen: Da fährt gerade ein Zug ab, und ich muss nicht mitfahren.

**CHECK.** Die kurze Prüfung. Wie steht's um meine Energie gerade? Bin ich noch in Verbindung mit den Menschen, die mir wichtig sind, oder drehe ich mich nur um mich selbst? Und vor allem: Ist das, was mir mein Kopf gerade erzählt, überhaupt wahr , oder ist es nur eine besonders überzeugend inszenierte Geschichte? Die meisten Sorgen bestehen diese Prüfung nicht.

**SHIFT.** Die bewusste Wendung. Weg vom Kopfkino, hin zu dem, was jetzt tatsächlich möglich ist. Nicht die ganze Zukunft lösen. Nur den nächsten Schritt gehen.

Das ist keine Motivationsformel und schon gar kein Kurs mit sieben Modulen und Zertifikat am Ende. Es sind drei Wörter, die du dir merken kannst, während dein Kopf gerade Alarm schlägt.

Warum das überhaupt funktioniert

Meine Formel dahinter ist simpel: Lebensqualität ergibt sich aus Energie mal Menschlichkeit, geteilt durch Scheitern zum Quadrat. Das S im Nenner ist fast nie das Ereignis selbst. Es ist die Geschichte, die du daraus machst. Und genau da setzt STOP-CHECK-SHIFT an , nicht am Ereignis, das du meistens sowieso nicht ändern kannst, sondern an dem Moment, in dem aus einem Ereignis eine Katastrophe im Kopf wird.

Du wirst dadurch nicht sorgenfrei. Das verspreche ich dir nicht, das wäre gelogen. Aber du wirst schneller merken, wann eine Sorge dir tatsächlich hilft , und wann sie nur dabei ist, dir die Nacht zu stehlen.